„Ein ungebremster Klimawandel wird auch Menschenleben kosten“

2 Interview Steiniger

Interview. Keine Kondensstreifen am Himmel, kaum Autos auf der Straße. CoVid-19 ändert alles. Bietet die aktuelle Krise auch eine Chance? Führt sie zu einem Umdenken in Bevölkerung, Wirtschaft und Politik? Das wollte der KEM-Newsletter von Karl Steininger, Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Graz und stellvertretender Leiter des Wegener Centers, wissen.

KEM-Newsletter: Die Wirtschaft leidet massiv unter den Einschränkungen durch das Coronavirus. Auch zahlreiche Klimaschutzprojekte der KEMs ruhen derzeit. Der Staat nimmt gewaltige Summen in die Hand. Wie lange hält Österreich – die Unternehmen und die Staatsfinanzen – ökonomisch durch?

Karl Steininger: Das hängt vor allem davon ab, ob wir es schaffen, unseren eigentlichen Bedarf weiter erfüllen zu können, dafür als Wirtschaft lokal produzieren zu können und die Verteilung zu organisieren. Ich denke da etwa an neu ins Leben gerufene elektronische Plattformen, wo lokal bestellt werden kann. Hingegen werden manche herkömmliche Wirtschaftsindikatoren in solch einer Zeit abfallen, wie das BIP, das aber eben genau nicht den Wohlstand misst, um den es uns letztlich geht.

 

Sehen Sie in der Coronakrise auch eine Chance?

Die Coronakrise zwingt uns dazu, Dinge zu versuchen, an die wir früher vielleicht gar nicht gedacht haben. Wir müssen kreativ werden und uns überlegen, wie wir wirtschaftliche Grundfunktionen trotz aller Einschränkungen hinsichtlich physischer Mobilität aufrechterhalten können. Und wenn sich diese neuen Herangehensweisen als brauchbar herausstellen, wieso sollten wir sie dann nicht auch nach Ende der Pandemie beibehalten – und zwar freiwillig? Vielleicht stellt sich manches, was wir zunächst als Verzicht wahrnehmen, tatsächlich als Gewinn heraus, weil wir merken, dass uns plötzlich mehr Zeit bleibt durch den Wegfall unnötiger Wege.

 

Wird sich die Bundesregierung massive Investitionen in die Energie- und Mobilitätswende nach Corona noch leisten können oder wollen? Oder andersrum gefragt: Wären erneuerbare Energie, thermische Sanierung usw. nicht eine Chance, gleichzeitig die Wirtschaft anzukurbeln, den Klimazielen näher zu kommen und mehr Krisensicherheit zu erlangen?

Der letzte angesprochene Punkt ist für mich der Angelpunkt: Weltweit wurden schon bisher in Risikoanalysen Pandemien als eine der größten realen Gefahren eingestuft, das „Worldwide Threat Assessment“ der US-Nachrichtendienste nannte etwa 2019 explizit „the next flu pandemic“. Und in all diesen Bewertungen gibt es jeweils nur eine Gefahr, die als ein noch signifikanteres Sicherheitsrisiko erachtet wird: die Folgen der Klimakrise. Insofern könnte die nunmehr reale Erfahrung der Coronapandemie auch ein Aufwachen in Hinblick auf die größere, die Klimagefahr beschleunigen. Könnte. In vielen Dimensionen würde der Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft darüber hinaus lokal Werte schaffen – oder „schöpfen“, wenn die ÖkonomInnen von lokaler Wertschöpfung sprechen.

 

Vordergründig schafft Covid-19 etwas, wovon KlimaschützerInnen nur träumen konnten: Der Flug- und der Autoverkehr sind stark reduziert. Rechnen Sie damit, dass sich die Pandemie positiv auf die österreichische CO2-Bilanz auswirken wird?

Es wird einen positiven Effekt geben, allerdings ist der – wenn es eben zu keinen strukturellen Änderungen kommt – nur vorübergehend. Laut Analysen des finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air gingen zwar die chinesischen Treibhausgasemissionen im Februar um mehr als 25 Prozent zurück, aber es muss festgehalten werden: Auf die globale Erwärmung haben solche nur kurzfristigen Einsparungen praktisch keine Auswirkungen.
Um tatsächlich eine Trendwende zu erreichen, müssen die Treibhausgasemissionen weltweit und vor allem dauerhaft gesenkt werden. Und ein wesentlicher Teil der Emissionsrückgänge scheint auch gar nicht in der nationalen Bilanz auf: Für die Flugverkehrsemissionen Österreichs ist zum Beispiel zu 98 Prozent der internationale Flugverkehr aus und nach Österreich verantwortlich, nur werden diese Emissionen in der nationalen Treibhausgasbilanz gar nicht erfasst. Der durch die Coronapandemie quasi eingestellte Flugverkehr hat darauf also so gut wie keine Auswirkungen.

 

Werden die ÖsterreicherInnen ihren Konsum und ihre abgesagten Flugreisen nachholen oder wird auch ein Lerneffekt eintreten – Motto: Weniger ist mehr?

Das bleibt abzuwarten. Ich glaube sehr wohl, dass viele Menschen während der Krise neue Erfahrungen machen und ihr Konsumverhalten, zumindest kurzfristig, anpassen. Insofern könnte es durchaus zu einer Wende hin zu mehr Regionalität kommen – wenn etwa bei Lebensmitteln verstärkt auf lokal und regional Produziertes gesetzt wird. Und was für die Lebensmittelproduktion gilt, lässt sich auch auf andere Lieferketten anwenden. Die Abhängigkeit von globalen Lieferketten birgt Gefahren, was etwa Medikamente, elektronische Bauteile oder Ersatzteile für die Automobilindustrie betrifft. Mit regional konzentrierten Produktionsstrukturen sind wir autonomer und krisensicherer und verringern so ganz nebenbei den ökologischen Fußabdruck deutlich.

 

Könnte es sein, dass die gelebte Solidarität zum Schutz älterer Menschen auch zu mehr Solidarität im Bereich Schutz des Planeten zur Folge hat?

Die Coronapandemie zeigt vor allem eines: Weltweit setzen Regierungen zum Schutz der Bevölkerung und vor allem von älteren Menschen Maßnahmen durch, die gerade in westlichen Demokratien bislang undenkbar gewesen sind. Ohne die Gefahr durch Covid-19 kleinreden oder eine Bedrohung gegen die andere ausspielen zu wollen, müssen wir uns aber der Tatsache bewusst sein, dass auch ein ungebremster Klimawandel Menschenleben kosten wird. Und es gibt auch hier Menschen, die von den Auswirkungen des Klimawandels stärker betroffen sein werden als andere und die daher der Solidarität bedürfen. Insofern gilt es zu hinterfragen, ob nicht auch die Klimapolitik, die wir brauchen, wesentlich strenger sein kann, ohne dass die Menschen dagegen auf die Barrikaden gehen. Weil sie durch die Erfahrungen der Coronapandemie merken, dass Gebote und Verbote zum Klimaschutz ihr Leben zwar verändern, aber vielleicht nicht unbedingt zum Schlechteren.

 

Ohne die weltweiten Flugverbindungen wäre Covid-19 möglicherweise eine Epidemie in China geblieben. Angesichts der enormen derzeitigen Kosten und Nachschubprobleme in der Produktion stellt sich da nicht auch die Frage, ob die globalisierte Wirtschaft – so wie sie bisher organisiert war – wirklich das Gelbe vom Ei ist?

Tendenzen in Richtung globale Entflechtung lassen sich schon seit einiger Zeit wahrnehmen. Durch additive Produktionsverfahren, sprich 3D-Druck, kann die Produktion zunehmend lokal durchgeführt werden. Flow-Chemistry wiederum erlaubt die Herstellung von pharmazeutischen Wirkstoffen in kleineren Einheiten und hilft so der stark auf Asien konzentrierten Pharmaindustrie, ihre Abhängigkeit von internationalen Lieferketten zu verringern. Es ist davon auszugehen, dass die Coronakrise diese Bestrebungen hin zum Dezentralen weiter befeuern wird.

 

Wie müsste eine „Wirtschaftswende“, die Ökonomie, Ökologie und höhere Krisensicherheit vereinen möchte, Ihrer Meinung nach aussehen?

Regionale Produktionsketten, Verringerung von internationalen Lieferwegen, mehr lokale Wertschöpfung. Aber dafür muss man Anreize schaffen, indem man zum Beispiel die Implementierung von Anlagen fördert, die eine treibhausgasfreie Produktion ermöglichen. Diese Förderungen kämen auch den Herstellern solcher Anlagen zu Gute, von denen ja viele aus Österreich kommen. Anreize würden zudem helfen, den Standort zu sichern und der Abwanderungsgefahr entgegenzuwirken. Das alles macht aber nur Sinn, wenn man auch branchenübergreifend denkt und handelt und die gewaltigen Synergien nicht ungenutzt lässt, die ja in vielen Industriebereichen vorhanden sind. Etwa, wenn CO2 aus der Stahl- oder Zementindustrie verwendet wird, um Kunststoffe zu produzieren, die sonst mit Hilfe von fossilen Ausgangsprodukten hergestellt werden.

 

Welchen Beitrag könnten die KEMs dabei leisten?

Jede Veränderung braucht Anstrengung. Die Motivation, diese auf uns zu nehmen, steigt mit der Möglichkeit, erste Erfahrungen machen zu können. KEMs sind ein geradezu idealer Rahmen, solche Erfahrungen zu ermöglichen, veränderte Strukturen zunächst vor Ort zu entwickeln und dann praktische Erfahrung zu sammeln, aus dem Ausprobieren und Weiterentwickeln eine Dynamik entstehen zu lassen. Damit sind dann jeweils die Samen gelegt. KEMs fungieren als Inkubatoren für diese Transformation zur Nachhaltigkeit.

 

Wird das Home-Office auch nach der Krise ein Thema für die Wirtschaft sein?

Um das zu beurteilen, müsste ich ein Hellseher sein. Aber wie gesagt, manche Dinge aus Zeiten der Krise werden wir auch in Zukunft so handhaben. Abhängig von der Berufsparte bietet die fortschreitende Digitalisierung vielen Menschen neue Möglichkeiten, ihr Arbeitsleben anders, flexibler zu gestalten und effektiver auf ihre persönliche Familiensituation abzustimmen. Dort, wo sich das Home-Office bewährt hat und beide Seiten – ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen – gute Erfahrungen gemacht haben, wird es natürlich auch weiterhin ein Thema bleiben.