Wie gelingt die Wärmewende?

2 Energiereferat Baden

Dieser Frage widmete sich die Stadt Baden Ende Oktober zwei Tage lang im Rahmen eines Design-Thinking-Prozesses. Der Workshop war Teil des vom Klima- und Energiefonds unterstützten Forschungsprojekts CoDesign des IIASA und brachte wichtige Erkenntnisse für die TeilnehmerInnen, die Stadtverwaltung und die Wissenschaft.

Eine Energiepolitik, die nur auf Freiwilligkeit basiert, wird nicht genügen. Das war eines von zahlreichen Ergebnissen eines zweitätigen Nachdenk- und Austauschprozesses unter der Leitung von Klaus Weissmann. Das „Design-Thinking“ fand vorwiegend in vier Gruppen mit jeweils vier BürgerInnen statt. Die Stadt Baden war durch Vizebürgermeisterin Helga Krismer, Stadtamtsdirektor Roland Enzersdorfer sowie Gerfried Koch, Energiereferatsleiter und KEM-Manager, vertreten. Neben Koch beteiligten sich zwei weitere KEM-ManagerInnen des Jahres: Sabine Watzlik und Alexander Simader. Am Ende stieß auch noch Badens Bürgermeister Stefan Szirucsek dazu.

NutzerInnen im Fokus. Design-Thinking nennt sich eine Innovationsmethode mit Ursprüngen im Industrial Design, die sich an den Bedürfnissen von NutzerInnen orientiert. Im konkreten Fall stellten sich die TeilnehmerInnen die Frage, wie eine Wärmewende – also eine Abkehr von fossilen Energien im Wärmebereich – in ihrer Stadt gelingen könnte. Dazu wurden nach Alter, Bildung und themenspezifischem Vorwissen heterogene Gruppen gebildet.

Jede Gruppe entwickelte konkrete Lösungsansätze für jeweils einen künftigen Schauplatz der Energiewende: eine Mietwohnung, ein Einfamilienhaus, ein Familien-Unternehmen und das Rathaus stellvertretend für die Objekte der Stadtgemeinde. „Die NutzerInnen wurden besucht und interviewt. Die Ergebnisse flossen wiederum in die Gruppenarbeit ein“, erklärt Koch. Um komplexe Zusammenhänge darzustellen, standen nicht nur Papier und Stift, sondern auch Legosteine zur Verfügung, damit bestimmte Dinge besser visualisiert werden konnten. So wurde beispielsweise ein Fördersystem, das für die Wärmewende benötigt wird, nicht skizziert, sondern gebaut.

Die Ergebnisse:

  • Es braucht mutige Lenkungsmaßnahmen. Da waren sich die TeilnehmerInnen einig.
  • KMUs benötigen noch speziellere Beratung und Betreuung für die betriebliche Energiewende und entsprechende Förderungen.
  • Auch für EinfamilienhausbesitzerInnen muss ein Gesamtpaket geschnürt werden – von der unabhängigen Beratung bis zur technischen Umsetzung ohne fossile Energieträger.
  • Ein Badener Energiewende-Preis sollte gute Projekte vor den Vorhang holen.
  • Mit einer Energiepolitik, die ausschließlich auf Freiwilligkeit basiert, wird die Wärmewende nicht gelingen.

Auch das IIASA sammelte wichtige Daten für sein Forschungsprojekt CoDesign, das der Frage nachgeht, welche Herausforderungen und Hindernisse KEMs bei der Umsetzung ihrer Projekte zu bewältigen haben. Mehr dazu im Interview mit IIASA-Mitarbeiterin Jenan Irshaid.

Energiewende mit Methode

Interview. Im Rahmen des Forschungsprojekts CoDesign, das noch bis Juni 2019 läuft, untersucht das IIASA Bremsfaktoren für die Umsetzung innovativer KEM-Projekte – und nach entsprechenden Auswegen. Nach dem Design-Thinking-Workshop in Baden ist ein ähnlicher Prozess in der KEM Freistadt geplant. IIASA-Mitarbeiterin Jenan Irshaid zieht eine Zwischenbilanz.

 

KEM-Newsletter: Wie ist das zweitägige Design-Thinking in Baden verlaufen?

Jenan Irshaid: Aus unserer Sicht war der Workshop in Baden ein voller Erfolg. Wir waren besonders beeindruckt von der Begeisterung der TeilnehmerInnen sowie von der Bereitschaft vieler verschiedener AkteurInnen, sich an diesem Experiment zu beteiligen. Auch mit den Ergebnissen des Workshops in Bezug auf die Sammlung von Daten, die für unsere zukünftige Forschung erhoben wurden, sind wir sehr zufrieden. Und natürlich freue ich mich, dass dieser Workshop die KEM Baden und andere KEMs inspirierte und bei ihrer praktischen Arbeit unterstützte.

 

Um welche Art von Daten ging es Ihnen?

Aus Forschungsperspektive hatten wir zwei Hauptziele: Das erste war, Informationen über mögliche institutionelle Instrumente zur Förderung der Energiewende in Baden zu erhalten und diese in unsere wissenschaftliche Analyse zu integrieren. Das zweite Ziel bestand darin, den Design-Thinking-Prozess selbst zu beobachten und Daten zu sammeln, insbesondere die potenziellen Vorteile solch eines Prozesses, um die Lücke zwischen der politischen Ebene und der lokalen Umsetzung zu schließen.

 

Der Workshop war Teil Ihres vom Klimafonds unterstützten Projekts CoDesign. Gibt es dazu schon erste Zwischenergebnisse?

Das Forschungsprojekt CoDesign begann im Mai 2017. Der erste Forschungsschritt bestand in der Durchführung von Interviews mit StakeholderInnen auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene, um Herausforderungen und Hindernisse für die Umsetzung konkreter Maßnahmen in den KEM-Regionen zu ermitteln. Wir fanden heraus, dass die Herausforderungen bei der Energiewende in Österreich hauptsächlich mit Verhaltensänderungen und politischen Rahmenbedingungen zusammenhängen und sich auf die Bereiche Gebäude und Mobilität konzentrieren.
Darüber hinaus haben wir für die KEM Freistadt eine weitere innovative Methode der partizipativen Forschung entwickelt und eingesetzt – eine soziale Simulation oder ein „serious game“ zur Entwicklung einer Peer-to-Peer-Plattform für den Stromhandel. Dort haben wir gelernt, dass eine soziale Simulation ein äußerst wertvolles Instrument zur Entscheidungsunterstützung und Kommunikation sein kann, insbesondere in frühen Projektphasen, wenn Details ausgearbeitet werden müssen und das Konzept den EndbenutzerInnen erläutert wird.

 

Für welche Prozesse oder Themen eignet sich Design-Thinking Ihrer Meinung am besten?

Design-Thinking ist eine Methode für einen strukturierten Designprozess, um Ideen für soziale Innovationen zu erzeugen. Viele Themen können mit einer Design-Thinking-Methode bearbeitet werden. Wir haben uns jedoch mit der Lösung besonders komplexer Probleme befasst. Komplexität ist in vielen Fällen sehr schwer zu überwinden, da viele AkteurInnen und Interessen involviert sind. Deshalb war es wichtig, dass sich eine vielfältige Gruppe von TeilnehmerInnen an diesem Design-Denkprozess beteiligte. Am IIASA und im Rahmen der Systemanalyse konzentrieren wir uns oft auf solche komplexen Systeme und auf die Entwicklung sogenannter „clumsy solutions“, also Lösungen, die einen Kompromiss zwischen verschiedene Interessen darstellen und daher höhere Erfolgschancen haben.

 

Sie haben für CoDesign zwei Klima- und Energie-Modellregionen ausgesucht, in denen der KEM-Manager sehr nahe an den politischen EntscheidungsträgerInnen dran ist. Gerfried Koch in Baden ist gleichzeitig Energiereferatsleiter und Norbert Miesenberger über den Energiebezirk Freistadt ebenfalls im Auftrag der Gemeinden aktiv. Ist Design-Thinking auch für KEMs geeignet, in denen KEM-ManagerInnen keine unmittelbare Funktion in der oder den Gemeinden haben?

Die Tatsache, dass beide KEM-Manager eine offizielle Funktion in der Gemeinschaft haben, hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung, mit diesen KEMs zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig glauben wir, dass ein Design-Thinking-Prozess auch für KEMs von Vorteil sein kann, wenn der/die KEM-ManagerIn keinen unmittelbaren Einfluss auf die politischen Entscheidungen hat:
Erstens können politische EntscheidungsträgerInnen aktiv in einen Design-Denkprozess eingebunden – und dabei auf wichtige Themen im Zusammenhang mit Energiewende und Klimawandel aufmerksam – werden.
Zweitens haben fast alle KEM-ManagerInnen zumindest eingeschränkte Gestaltungs- und Organisationsmöglichkeiten, um Stakeholdergruppen in den Prozess einzubeziehen. Dies kann letztendlich wieder zu einer größeren Anerkennung des KEM-Managers oder der KEM-Managerin in der Gemeinschaft führen und der KEM mehr Gewicht bei den politischen EntscheidungsträgerInnen verschaffen.

Vielen Dank für das Interview.

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